23. Februar 2026

IFO 2026 in Bremen: Forschung – Haltung – Aktivismus? Inklusionsforschung zwischen Bildungsutopie und Systemkonformität

Das Logo der der Inklusionsforschungstagung 2026: Ein Dreieck aus bunten Kreisen. An seiner Geraden und den Schenkeln die Worte "Haltung", "Aktivismus" und "Forschung". Copyright: Team der IFO 2026 der Uni Bremen.

Auf der diesjährigen Inklusionsforschungstagung an der Universität Bremen vom 18.bis 20. Februar 2026 war das Metavorhaben mit einem Systematic Review zu Inklusion im Elementarbereich und einem Symposium zu Transferprozessen in der inklusiven Bildung dabei.

Den Anfang der Diskussion eröffnete am Mittwoch die Keynote von Prof. Dr. Michael Zander, der unter dem Titel “Kommunismus für die Schule”? Zum Verhältnis von kapitalistischer Ökonomie und inklusiver Politik mit Rückgriff auf Theorien des Philosophen Karl Marx skizzierte, welche Auswirkungen der Kapitalismus auf Inklusion hat. Mit dem Systemtheoretiker Talcott Parsons argumentierte er dafür, dass Inklusion als vollwertige und gleichberechtigte Teilhabe aller bisher ausgeschlossenen Gruppen an der Gesellschaft definiert werden solle. Schulen sollten dabei Freiräume bleiben, um Kindern und Jugendlichen so viel Qualifikation wie möglich mitzugeben. Zander ist jedoch skeptisch, was die Umsetzung dieses Inklusionsverständnisses angeht: „Aktuell gibt es keinen gesellschaftlichen Fortschritt, wir sind eher mit Rückschritten konfrontiert.“ Deswegen gehe es auch eher darum, „bestehendes zu verteidigen“, statt rein auf weitere positive Entwicklungen zu hoffen.

MInkBi beteiligt sich mit Vortrag zu Systematic Review und diskutiert Transfer

Am Mittwochnachmittag präsentierten Natalie Mähl und Anna Kistner vom Team des Metavorhabens eine Übersicht des aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstands zur Qualifizierung für Inklusion im Elementarbereich im deutschsprachigen Raum. Der Vortrag hatte den Titel Zwischen inklusivem Professionsverständnis und additiver Kompetenzerweiterung. Ein Systematic Review zur Qualifizierung für Inklusion im Elementarbereich.

Am Donnerstagvormittag wurde gemeinsam mit den Projekten ILEA-BASIS-T und EuLe-F aus der Förderlinie „Förderbezogene Diagnostik in der inklusiven Bildung“ sowie den Tagungsteilnehmer:innen in einem Symposium mit dem Titel Von Erfolgen und Grenzen: Reflexionen zu Transferprozessen in der inklusiven Bildung Transferaktivitäten der Projekte vorgestellt und die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu inklusiver Bildung in die Bildungspraxis diskutiert.

Symposium bestätigt zentrale Erkenntnisse zum Transfer

Hier wurden zentrale Erkenntnisse der Transferforschung nochmals bestätigt. Transfer könne „nicht als Schubkarrenmodell fungieren“, in dem Sinne, dass die Wissenschaft Produkte entwickelt, die der Praxis dann vorgesetzt und direkt eingesetzt würden, viel mehr „sickerten“ wissenschaftliche Erkenntnisse erst langsam ein, so Prof. Dr. Dieter Katzenbach, Projektleiter im Metavorhaben Inklusive Bildung.

So sei die Förderlogik wissenschaftlicher Projekte, die davon ausgehe, dass innerhalb von begrenzten Zeiträumen (oft nur drei Jahre), zu komplizierten wissenschaftlichen Themen eine „praxiskonforme Lösung“ entstehe, die unmittelbaren Effekte habe, oft nicht einzulösen.  Zudem sei ein solches Verständnis nicht sehr wissenschaftskonform: „Das ist eher Produktentwicklung als gesichertes wissenschaftliches Wissen“, so Katzenbach.

Motivation für Transfer trotz struktureller Hürden hoch

Schwierigkeiten gäbe es aber auch, weil aufseiten der Bildungspraxis oft nur begrenzte personelle und zeitliche Ressourcen für die Zusammenarbeit mit Akteur:innen aus der Wissenschaft zur Verfügung stehen. Diese Erfahrung hat auch Prof.in Dr.in Tanja Jungmann gemacht, die das Projekt EuLe-F leitete.

So hätten Einrichtungen, mit denen das Projekt zusammenarbeiten wollte, abgelehnt und von Überforderung gesprochen, da sie mit zu vielen thematischen Anforderungen konfrontiert seien. Auch der Begriff der Diagnostik sei anfangs bei der Zusammenarbeit ein Problem gewesen, wie Prof. Dr. Steffen Siegemund-Johannsen, Projektleiter bei ILEA-BASIS-T, erklärte. Die Assoziation mit einem medizinischen Verständnis des Begriffs sei nach wie vor sehr verbreitet, deswegen herrsche in der Bildungspraxis Skepsis. „Man muss der Praxis zeigen, dass diese Form der Diagnostik Mehrwert hat und nicht der Stigmatisierung dient. Das muss man vermitteln“, erklärte Siegemund-Johannsen

In der Rückschau auf das Thema Transfer in den Förderlinien „Qualifizierung der pädagogischen Fachkräfte“ und „Förderbezogene Diagnostik in der inklusiven Bildung“ gibt es aber auch Positives zu berichten: „Die Projekte hatten große Bereitschaft zum Transfer, obwohl die Belohnungssysteme in der Wissenschaft anders funktionieren. Da gab es ein starkes intrinsisches Motiv“, resümierte Prof. Dr. Dieter Katzenbach.

Wir bedanken uns bei den Projekten ILEA-BASIS-T und EuLe-F für die angenehme Zusammenarbeit und allen Teilnehmer:innen an unseren Programmpunkten für das Interesse und die engagierten Diskussionen. Dank geht ebenfalls an die Universität Bremen und das Organisationsteam der diesjährigen IFO!

Einen Rückblick auf das vollständige Programm der Tagung gibt es auf der offiziellen Website:

https://ifo2026.uni-bremen.de/

Goethe-Universität Frankfurt
Fachbereich Erziehungswissenschaften
Institut für Sonderpädagogik
Theodor-W.-Adorno-Platz 6
D-60629 Frankfurt am Main