Schule tatsächlich inklusiv – Evidenzbasierte modulare Weiterbildung für praktizierende Lehr- und andere pädagogische Fachkräfte
(Prof. Dr. Uwe Bittlingmayer, JProf. Dr. Andreas Köpfer,
JProf.in Dr.in Katja Scharenberg, Prof. Dr. Ullrich Bauer,
Prof. Dr. Michel Knigge & Jürgen Gerdes)
Fragestellung
Forschungsmethode Forschungsergebnisse
Status und Laufzeit
Standort(e)
Kontaktadresse(n)
Schule tatsächlich inklusiv – Evidenzbasierte modulare Weiterbildung für praktizierende Lehr- und andere pädagogische Fachkräfte
Im anwendungsbezogenen Forschungs- und Entwicklungsprojekt StiEL wurden Module für eine inklusionsorientierte Fort- und Weiterbildung für Lehr- und pädagogische Fachkräfte allgemeinbildender und beruflicher Schulen entwickelt, die im Anschluss in ausgewählten Schulen auf ihre Wirksamkeit überprüft wurden. Auf Basis der Evaluationsergebnisse wurden die Fortbildungsmodule schließlich zu einem modularen Fort- und Weiterbildungssystem verdichtet, das an einer inklusiven Schulpraxis beteiligten pädagogischen Fachkräften direkt zur Verfügung gestellt oder empfohlen wurde.
Das Vorhaben ging der Frage nach, welche Fortbildungsbedarfe für Lehr- und pädagogische Fachkräfte allgemeinbildender und beruflicher Schulen bestehen, welche inklusionsorientierten Fort- und Weiterbildungsangebote bislang existieren und welche Fortbildungselemente sich zu einem sinnvollen und konsistenten und schließlich evidenzbasierten Set von Fortbildungsmodulen verbinden lassen. Dabei wurden folgende Fragen in den Blick genommen:
- Welche Elemente in der Lehrerkräfteausbildung und welche Angebote für Fort- und Weiterbildungen zu Inklusion gibt es auf nationaler wie internationaler Ebene in struktureller und inhaltlicher Hinsicht? Welche Bedarfe äußern in Schulen tätige Professionelle im Rahmen ihres Berufsalltags und ihren vorhandenen Einstellungen hinsichtlich der Herausforderung Inklusion?
- Welche Ausbildungselemente, Fort- und Weiterbildungsstrukturen und -inhalte im Kontext von Inklusion erweisen sich als evident und wirkungsvoll hinsichtlich ihrer anwendungsbezogenen Nutzung durch Lehrkräfte, Schulsozialarbeitende und Schulbegleitungen in an Inklusion orientierten allgemeinbildenden und beruflichen Schulen?
- Welche inhaltlichen Module, welche Fortbildungsformate, welche inklusionsdidaktischen Zugänge, welche Unterrichtsmaterialien und welche thematischen Verbindungslinien lassen sich zu einem sinnvollen und konsistenten evidenzbasierten Set von Fortbildungsmodulen verbinden?
Auf Basis eines nationalen und internationalen Screenings und der Durchführung von problemzentrierten Experten-Interviews wurden Module für inklusionsorientierte Fort- und Weiterbildung für Lehr- und pädagogische Fachkräfte allgemeinbildender und beruflicher Schulen (in den Bereichen Inklusive Didaktik und Diagnostik, Multiprofessionelle Kooperation, Schulentwicklung, Inklusionsverständnis und Heterogenität, Menschenrechtsbildung und Soziales Lernen sowie Leistungs- und Lernzieldifferenzierung) entwickelt, die im Anschluss in ausgewählten Schulen aus drei Bundesländern mit quantitativen und qualitativen Methoden auf ihre Wirksamkeit überprüft wurden.
Auf Basis der Evaluationsergebnisse wurden die Fortbildungsmodule schließlich zu einem modularen Fort- und Weiterbildungssystem verdichtet, das an einer inklusiven Schulpraxis beteiligten pädagogischen Fachkräften direkt zur Verfügung gestellt oder empfohlen wurde.
Durch die COVID-19-Pandemie und den daraus folgenden Maßnahmen des Infektionsschutzes (wiederkehrende Schulschließungen und Distanzunterricht) konnte das Projektziel einer umfassenden Evidenzbasierung der entwickelten und in ausgewählten Pilotschulen eingesetzten Fortbildungsmodule nicht erreicht werden: Das Personal in den teilnehmenden Schulen war mit den ständig wechselnden pandemiebedingten Maßnahmen in den Schulen überlastet, so dass die Lehrkräfte nur wenig Chancen hatten, das in der Fortbildung Gelernte in der Unterrichtspraxis umzusetzen. Zudem musste in Reaktion auf die pandemiebedingten Einschränkungen ein reduziertes und alternatives Evaluationsvorgehen zur Datenerhebung in Form von Online-Befragungen und Online-Gruppendiskussionen entwickelt werden.
Hinsichtlich der quantitativ erhobenen Evaluationsergebnisse ergaben sich immerhin auf der Ebene der Schüler:innen-Befragung signifikante positive Veränderungen im Längsschnitt. Die Schüler:innen, deren Lehrkräfte an der Fortbildung teilgenommen hatten (Interventionsgruppe) gaben im Gegensatz von Schüler:innen, deren Lehrkräfte keine Fortbildung absolviert hatten (Kontrollgruppe) an, dass die Lehrkraft nach der Fortbildung die individuellen Lernbedürfnisse in der Unterrichtsplanung stärker berücksichtigten würden. Zum Umgang mit Lernbeeinträchtigungen wiesen die Schüler:innen eine höhere Sensibilisierung auf, nachdem ihre Lehrkräfte die Fortbildung besucht hatten. Auch wurden von Schüler:innen der Interventionsklassen nach der Fortbildung ihrer Lehrkräfte im Durchschnitt stärkere Diskurs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Klasse berichtet.
Im ethnographischen Teil der Evaluation wurde im Kontext online durchgeführter Gruppendiskussionen mit Lehrkräften nach den Fortbildungen deutlich, dass die Fortbildungsteilnehmenden Inklusion zunehmend als für alle Schüler:innen relevanten schulisch-unterrichtlichen Transformationsauftrag ansehen, allerdings im Spezifischen die individuelle Unterstützung und Förderung von Schüler:innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf handlungspraktisch in den Blick nahmen. Die erhaltenen Impulse zu Inklusion als Menschenrecht dienten als unterstützende Legitimation für das eigene inklusionsorientierte unterrichtliche Handeln. Die didaktischen und diagnostischen Konzepte, die die Teilnehmenden in der Fortbildung erhielten, wurden im Unterricht eingesetzt und vor dem Hintergrund der eigenen unterrichtlichen Anforderungen und zeitlichen wie kooperativen Ressourcen adaptiert. Hieraus wurde ersichtlich, dass die Maßnahmen inklusiver Schul- und Unterrichtentwicklung wertvolle Anstöße zur Veränderung der eigenen Handlungspraxis beinhalteten, zugleich aber auch längerfristiger Begleitung im Rahmen unterstützter Schulentwicklungsprozesse bedürfen.
Die Fortbildungsmodule wurden auf Basis der Evaluationsergebnisse methodisch und inhaltlich weiterentwickelt und aufgrund von Hinweisen zur weiteren Optimierung für die Multiplikatoren, auch in sprachlicher und stilistischer Hinsicht, angepasst und wurden der Zielgruppe (Multiplikator:innen, schulische Fortbildner:innen) mit dem gesamten konzipierten und zusammengestellten Fortbildungsmaterial Open Access auf der Projekt-Website und auf Bildungsservern zur weiteren freien Nutzung zur Verfügung gestellt.
2022 und 2023 wurden in Kooperation zwischen der Pädagogischen Hochschule Freiburg (ehemalige StiEL-Mitarbeiter*innen) und des Zentrums für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) in Baden-Württemberg Lehrkräfte-Fortbildungen auf Grundlage der entwickelten StiEL-Module in Freiburg durchgeführt. Die StIEL-Fortbildungsmodule sind anschließend dem ZSL für die weitere Verwendung zur Verfügung gestellt worden.
Status: abgeschlossen
Laufzeit des Projekts: Januar 2018 – Juni 2021
Pädagogische Hochschule Freiburg
Universität Bielefeld
Universität Potsdam
Prof. Dr. Uwe Bittlingmayer / Pädagogische Hochschule Freiburg / Fakultät für Bildungswissenschaften / Institut für Soziologie /
Kunzenweg 21, 79117 Freiburg / uwe.bittlingmayer(at)ph-freiburg.de
Team
Das Projekt StiEL war ein Verbundprojekt, das an mehreren Standorten unterschiedliche Teilprojekte bearbeitete.

Prof. Dr. Uwe Bittlingmayer
Verbundkoordination und Projektleitung
Standort A Pädagogische Hochschule Freiburg
uwe.bittlingmayer(at)ph-freiburg.de

Prof. Dr. Ullrich Bauer
Projektleitung
Standort B Universität Bielefeld

Prof. Dr. Michel Knigge
Projektleitung
Standort C Universität Potsdam
Veröffentlichungen
Gerdes, J., Heinemann, L., & Bittlingmayer, U. H. (2021). Inklusionsverständnisse schulischer pädagogischer Fachkräfte im Verhältnis zu einer menschenrechtlichen Perspektive auf Inklusion. In B. Fritzsche, A. Köpfer, M. Wagner-Willi, A. Böhmer, H. Nitschmann, C. Lietzmann, & F. Weitkämper (Hrsg.), Inklusionsforschung zwischen Normativität und Empirie (Schriftenreihe der AG Inklusionsforschung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, S. 287–301). Verlag Barbara Budrich.
Jäntsch, C., Dege, M., & Knigge, M. (2019). „Wenn Sie da reingucken, ist da wirklich eine große Wüste …“: Zur Wahrnehmung des Angebotes von Fortbildungen zu schulischer Inklusion. Journal für Psychologie, 27(2), 143–169. Verfügbar unter: https://doi.org/10.30820/0942-2285-2019-2.
Köpfer, A., Papke, K., & Zobel, Y. (2021). Situationsanalyse Autismus – empirische Perspektivierungen zwischen Ratgeberliteratur und pädagogischem Handeln. Zeitschrift für Inklusion, 15(1). Verfügbar unter: https://www.inklusion-online.net/index.php/inklusiononline/article/view/592.
Papke, K., Bigos, M., Dupret, I., Hörth, M., Hundenborn, S. G., & Knigge, M. (2019). Evaluationspraxis fördern: Der Peer-to-Peer-Ansatz in der Nachwuchsarbeit. Das Forschungs- und Praxiskolloquium des Nachwuchsnetzwerks der DeGEval 2019 (Abschnitt: Praxisprojekt StiEL, S. 324–325). Zeitschrift für Evaluation, 18(2), 322–326. Verfügbar unter: https://doi.org/10.31244/zfe.2019.02.11.
Bittlingmayer, U. H., Gerdes, J., Pinheiro, P., Dege, M., Bauer, U., Jäntsch, C., Kirchhoff, S., Knigge, M., Köpfer, A., Markovic, S., Okcu, G. & Scharenberg, K. (2018). Health Promoting Schools (HPS) and the impact of inclusion: The StiEL-Project. European Journal of Public Health, 28 (4), 287–288. doi: 10.1093/eurpub/cky213.842.
Bittlingmayer, U. H., Gerdes, J., Heinemann, L., Hirsch, A., Kouka, E., Köpfer, A., Krämer, V., Okcu, G. & Scharenberg, K. (2021). Abschlussbericht zum interdisziplinären BMBF-Verbundprojekt “Schule tatsächlich inklusiv. Evidenzbasierte modulare Weiterbildung für praktizierende Lehr- und andere pädagogische Fachkräfte (StiEL)”. Freiburg: Pädagogische Hochschule Freiburg.
Bittlingmayer, U. H., Scharenberg, K., Köpfer, A., Heinemann, L., Donath, J., Hirsch, A., Kouka, E., Okcu, G., Papke, K., Gerdes, J., Knigge, M., Salzberg-Ludwig, K., Dege, M., Kleres, J., Jäntsch, C., Bauer, U., Pinheiro, P., Markovic, S., Kirchhoff, S. & Ertugrul, B. (2021). StiEL –Schule tatsächlich inklusiv. Gemeinsam leben, 29(4), 232–234.
Bittlingmayer, U. H., Donath, J., Gerdes, J., Heinemann, L., Knoll, A., Köpfer, A., Papke, K. & Scharenberg, K. (2019). Diversity and inclusiveness in apprenticeships. In T. Deißinger, U. Hauschildt, P. Gonon & S. Fischer (Hrsg.), Contemporary apprenticeship reforms and reconfigurations (Bildung und Arbeitswelt, Vol. 35, S. 229-231). Zürich: LIT.
Jäntsch, C., Gerdes, J., Heinemann, L., Bauer, U., Bittlingmayer, U. H., Ertugrul, B., Hirsch, A., Kirchhoff, S., Kleres, J., Knigge, M., Köpfer, A., Kouka, E., Markovic, S., Okcu, G., Papke, K., Pinheiro, P. & Scharenberg, K. (2022). Entwicklung und Pilotierung einer inklusionsbezogenen Fortbildung für Lehrpersonen und andere pädagogische Fachkräfte. Das Projekt “Schule tatsächlich inklusiv”. In J. Becker, F. Buchhaupt, D. Katzenbach, D. Lutz, A. Strecker & M. Urban (Hrsg.), Qualifizierung für Inklusion. Erwachsenenbildung, Hochschule und Berufsschule (S. 23–42). Münster: Waxmann. Online als open Access beim Waxmann-Verlag verfügbar als Teil des Sammelbandes “Qualifizierung für Inklusion”. Verfügbar unter: https://www.waxmann.com/buecher/Qualifizierung-fuer-Inklusion-4515.
Köpfer, A., Papke, K. & Gerdes, J. (2019). Rekonstruktionen zum Verhältnis von Inklusionsverständnissen und -bedingungen in der Praxis von Lehrkräften. Implikationen für die Entwicklung von Fort- und Weiterbildungen. Journal für Psychologie, 27(2), 170-191. doi: 10.30820/0942-2285-2019-2-170.
Köpfer, A., Papke, K., Heinemann, L. & Bittlingmayer, U. H. (2020). Inklusion in der beruflichen Bildung – Pädagogische Fachlichkeit in der Praxis von Berufsschullehrpersonen. QfI – Qualifizierung für Inklusion, 2(1). doi: 10.21248/QfI.28.
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